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Reifikation

Ein Denk- bzw. Abstraktionsfehler, der darin besteht, abstrakte Konzepte wie konkrete Dinge oder gar als Agenten mit Absichten und Hand­lungs­weisen zu behandeln.

Namen

Andere Begriffe

  • Vergegenständlichung
  • Hypostasierung
  • (Fallacy of) misplaced concreteness

Hinweis: der Begriff „Reifikation“ beschreibt je nach Kontext mindestens zwei verschiedene Phänomene: zum einen das in diesem Artikel beschriebene Betrachten von abstrakten Begriffen als wären sie konkrete Dinge – und zum anderen, dass Menschen als Objekte betrachtet (und behandelt) werden. Letzteres wird in dem Artikel „Verdinglichung (von Menschen)“ beschrieben.

Auch die Abgrenzung zwischen „Reifikation“ und „Vermenschlichung“ kann in vielen Fällen schwierig sein, wie die Beispiele unten zeigen.

Namensherkunft

Der Ausdruck „Reifikation“ leitet sich von den lateinischen Begriffen „rēs“ („die Sache“) und „făcĕre“ („etw. machen, herstellen“). Man kann den ursprünglich lateinischen Ausdruck also mit „etwas zu einer Sache machen“ verstehen.

Beschreibung

Abstrakte Begriffe können helfen, mit komplexen Konzepte auf eine einfache Weise umzugehen und sie im übertragenen Sinn „be-greifbar“ zu machen.

Allerdings besteht damit die Gefahr, dass solche Abstraktionen irgendwann als etwas „konkretes“ wahrgenommen werden und ihnen Eigenschaften zugesprochen werden, die ein abstraktes Konzept prinzipiell nicht haben kann.

Der Denkfehler hier besteht also darin, ein abstraktes Konzept als etwas Konkretes zu verstehen – im Extremfall sogar mit typisch menschlichen Eigenschaften – und nicht mehr als eine Abstraktion.

Beispiele

„Mutter Natur“

Die „Natur“ ist keine konkrete Sache, sondern ein abstraktes Konzept, welches eine Vielzahl von Phänomenen und deren Zusammenspiel übergreifend beschreibt. Noch weniger ist die „Natur“ ein bewusst handelndes Wesen mit menschlichen Intentionen, wie es Begriffe wie z.B. „Mutter Natur“ nahelegen:

Mutter Natur kümmert sich um ihre Kinder.
Mutter Natur schlägt zurück.

Offenkundig kann ein abstraktes Konzept weder Muttergefühle (oder auch nur „Kinder“) haben, noch Rache­gelüste und schon gar nicht aktiv handeln.

„Die Gesellschaft“

Die Gesellschaft ist schuld an XYZ.

Wohl jeder hat solche, vermeintlich „gesellschaftskritischen“ Aussagen schon gehört, die echte oder ver­meint­liche Missstände mit der Struktur und Eigenheiten „der Gesellschaft“ zu erklären versuchen.

Allerdings ist eine Gesellschaft ein abstraktes Konzept, das keine „Schuld“ an irgendetwas tragen kann. Durch die „Verdinglichung“ (womöglich sogar „Vermenschlichung“) des Konzeptes wird davon abgelenkt, dass es ge­wöhn­lich durchaus Aktoren in der Gesellschaft gibt, die Missstände beheben können. Es wäre sinnvoller, diese klar zu benennen.

Übrigens sind im Zweifelsfall die Aktoren, die eine Gesellschaft verändern können, alle Mitglieder dieser Ge­sell­schaft (wenn auch meist in unterschiedlichem Maße).

Ähnliches gilt für viele andere konzeptuelle Begriffe, hier nur als ein Beispiel:

Das Patriarchat ist schuld daran, dass Frauen weniger verdienen als Männer.

Auch hier ist „das Patriarchat“ eine Abstraktion, die keine „Schuld“ tragen kann. Ganz im Gegensatz z.B. zu Arbeitgebern (oder – auch das kommt ja vor: Arbeitgeberinnen), welche weiblichen Angestellten weniger be­zahlen als männlichen. Um diesen Missstand zu beheben, wäre es ein erster Schritt, den oder die konkret dafür Verantwortlichen offen auszusprechen.

Einschränkungen

Die Reifikation ist ein Denkfehler, bei dem ein abstraktes Konzept unzulässig als eine konkrete Sache verstanden wird. Insbesondere durch Äquivokationen kann es aber zu Situationen kommen, wo dies nur schein­bar geschieht:

Abstrakte Begriffe mit konkreter Bedeutung

Abstrakte Begriffe können in spezifischen Fällen durchaus für konkrete Dinge stehen, etwa in Form eines totum pro parte ( Metonymie). Zum Beispiel:

Deutschland hat gewählt!

Offensichtlich ist ein Land (hier: Deutschland) keine Person und hat entsprechend kein Wahlrecht und kann somit auch nicht „gewählt haben“. Auf den ersten Blick scheint dies also eine Reifikation zu sein.

In diesem Fall bezieht sich der Ausdruck aber erkennbar nicht wirklich auf das Land an sich, sondern auf die wahl­berechtigte Bevölkerung des Landes, oder zumindest auf diejenigen, die tatsächlich von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben („das Ganze steht für einen Teil“). Damit beschreibt das Wort „Deutschland“ nicht ein abstraktes Gebilde, sondern in der Tat eine konkrete (und zur Wahl berechtigte) Gruppe von Menschen.

Mit anderen Worten, die Extension des Begriffes „Deutschland“ ist in diesem spezifischen Kontext tatsächlich konkret und nicht abstrakt.

Konkrete Begriffe mit abstrakter Bedeutung

Auch der umgekehrte Fall ist möglich: Ein abstrakter Ausdruck kann in einem scheinbar konkreten Zu­sam­men­hang gebracht werden, der aber in dem spezifischen Zusammenhang abstrakt gemeint ist:

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Offensichtlich ist „Menschenwürde“ ein abstrakter Begriff und kann schon mangels einer physischen Reprä­sen­tation nicht „angetastet“ werden kann. Allerdings wird auch „antasten“ hier auch nicht im kon­kreten Sinne ge­braucht, sondern in einem übertragenen, der ausdrückt, dass etwa das keine Gesetze erlassen werden dürfen, welche diese verletzen.

Siehe auch

Weitere Informationen

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