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Autoritätsargument

Rhetorisches Scheinargument, bei dem anstatt mit sachlichen Argumenten die Position zu verteidigen, einfach auf die Aussage einer Autorität ver­wiesen wird.

Andere Namen

  • Verweis auf eine Autorität
  • Argumentum ad verecundiam
  • Appeal to authority
  • Ipse dixit!

Beschreibung

Es gibt gute Gründe, die Meinung von Autoritäten zu bestimmten Fragen einzuholen und auch ernst zu neh­men: zum Beispiel haben Ärzte aufgrund ihrer Ausbildung eine Autoritätsposition, und man sollte deren Rat – zumindest bei ernsthaften Erkrankungen – nicht leicht­fertig über­gehen.

Allerdings ist auch ein Experte grund­sätzlich nicht vor Irr­tümern gefeit und es gibt zahl­reiche Bei­spiele, in denen sich die Mein­ungen von Autori­täten im Nach­hinein als falsch heraus­gestellt haben.

Dies alles sind keine Gründe, die Mein­ungen von Experten grund­sätzlich abzu­lehnen, aber ein Hinweis darauf, dass alleine die Tatsache, dass ein Experte eine bestimmte Meinung äußert, kein hin­reichender Beweis für die Richtig­keit dieser Meinung ist.

Dies gilt umso mehr, wenn sich die Experten wider­sprechen, etwa weil es unter diesen unter­schied­liche Mein­ung­en zum Sach­verhalt gibt.

Letztlich ist eine Abwägung nötig, zwischen einem möglichen Wissens­vorsprung, den eine Autorität hat und der Not­wendigkeit, die Autorität zu hinterfragen. Auf keinen Fall sollte man allerdings Rosinenpickerei be­treiben und alleine solchen Autoritäten Glauben schenken, welche die eigene, vorgefertigte Meinung be­stä­tig­en und andere ignorieren.

Wann ist ein Verweis auf eine Autorität wirklich ein Scheinargument?

Kein Wissensvorsprung

Aus dem oben gesagten ergibt sich, dass die Aus­sage einer Autorität grundsätzlich ein Scheinargument ist, wenn diese keinen deutlichen Wissens­vorsprung vor den Dis­kionsteilnehmern hat.

Während z.B. in der Diskussion mit einem medizinischen Laien der Verweis auf die Meinung eines Arztes/einer Ärztin eine Trumpf­karte ist, stehen diese, wenn es um die gleiche Frage bei einer Diskussion zwischen Ärzten geht, auf einer Stufe mit diesen und können daher nicht mehr als Autorität auftreten – je nach Themengebiet bzw. Spezialisierung können manche sogar umgekehrt in einer argumentativ schwächeren Position sein.

Falsche Autorität

Im schlimmsten Fall ist die angebliche Autorität, auf die verwiesen wird überhaupt keine. Dies ist bei Dis­kus­sionen im Internet wahrscheinlich der mit Abstand häufigste Fall. Aus diesem Grund wird diesen Formen von Scheinargument ein ganzer eigener Artikel gewidmet:  Verweis auf eine falsche Autorität.

Expertenstreit

Es gibt in jedem Wissenschaftsbereich und zu fast jedem Thema unterschiedliche Expertenmeinungen, und es ist für Außenstehende praktisch unmöglich, zu erkennen, inwieweit die Argumente, die von der einen Seite vor­gebracht werden tatsächlich treffender und glaubwürdiger sind, als die der anderen.

Ohne sehr gute Kenntnis des Fachbereiches kann man auch nicht ein­schätzen, ob der eine Experte vielleicht in diesem Fach ein Außen­seiter ist, während der andere womöglich die überwiegende Mehr­heit seiner Fach­kollegen hinter sich hat.

Aus diesen Gründen sollten solche Meinungsunterschiede in wissenschaftlichen Publikationen ausgetragen werden und nicht in der Presse oder auf Sozialen Medien.

Hinweis: Das Austragen solcher Debatten in wissenschaftlichen Papieren hat auch zur Folgen dass es zu nahezu beliebigen Standpunkten auch irgendwelche Papiere gibt, die diese zu unter­stützen scheinen. Ohne tiefer gehende Beschäftigung mit dem jeweiligen Thema ist es für Außenstehende praktisch un­mög­lich, ein­zu­schätzen, ob die Argumente in einer Publikation wirklich stichhaltig oder vielleicht doch schon längst wider­legt sind.

Diskussion über Normen

Auch normative Autoritäten wie Gesetzes­texte oder technische Spezifikationen haben eine Entstehung- und oft eine Revisions­geschichte. Wenn die Diskussion darüber geht, ob und wie solche Regeln auf­gestellt bzw. ge­ändert werden sollen, dann ist ein schlichter Verweis auf den Status Quo nicht hilfreich.

Umgekehrtes Autoritätsargument

Eine Variante des Autoritätsargumentes besteht in der Zurückweisung einer Position, alleine weil sie nicht von einem Experten stammt.

Gewöhnlich wird Expertentum dabei an einer formellen fachlichen Ausbildung oder am Renommée festgemacht. Man bekommt dann Aussagen wie die folgende zu hören:

Das kann XYZ gar nicht wissen, der hat das nicht studiert.

Prinzipiell ist es für die Gültigkeit eines Argumentes zunächst völlig irrelevant von wem es vorgebracht wird – dies gilt im negativen Sinne ebenso wie im positiven. Und ebenso wie sich auch Experten (zumindest gelegent­lich) irren, haben Laien auch korrekte Einsichten.

Während alleine die Tatsache, dass eine Position von einem Außenseiter vorgebracht wird, kein Grund ist, sie zurück­­zu­­weisen, sollte man die Beweise, die für die Position vorgebracht werden, grundsätzlich kritisch be­trachten um zu sehen, ob sie wirklich stichhaltig sind.

Dabei sollte aber auch jedem immer klar sein: wenn eine Laienmeinung gegen eine Expertenmeinung steht, ist es grund­­sätzlich empfehlenswert, zunächst einmal dem Experten mehr Glauben zu schenken.

Gerechtfertigte Verwendung

Normative Autoritäten

Bestimmte Autoritäten haben eine Bestimmungs­gewalt über den Diskusions­gegen­stand, d.h. die Sach­lage ist so, weil diese Autoritäten es so sagen. Dazu gehören unter anderem Gesetzes­texte, Gerichts­urteile, tech­nische Spezi­fika­tionen und – je nach Sicht­weise – möglicherweise auch bestimmte religiöse Institutionen. In diesem Fall ist eine Diskussion natürlich müßig. Das Wort dieser Autorität ist – im manchen Fällen sogar ganz wörtlich – Gesetz.

Beispiel:

A: Unfallflucht ist in Deutschland strafbar!
B: Wer sagt das?
A: Das steht im Strafgesetzbuch, § 142.

Da das Straf­gesetz­buch eine normative Autorität ist, ist ein solcher Verweis gerechtfertigt.

Ähnliches gilt für Institutionen, die eine Ent­scheidungs­gewalt haben. So eine Institution sind z.B. die Eltern, die ihren Kindern bestimmte Vorgaben machen dürfen. Jeder, der selbst Kinder hat, kennt wohl Diskussionen wie im folgenden Beispiel:

Kind: Warum muss ich denn schon in’s Bett?
Vater: Weil ich und deine Mutter festgelegt haben, dass 8 Uhr für dich Schlafenszeit ist.

Das Festlegen der Schlafens­zeit gehört zur normativen Kompetenz der Eltern und entsprechend reicht der Verweis darauf aus, um diese Diskussion zu beenden (Kinder sehen das mitunter anders).

Bis zur Reform der deutschen Recht­schreibung von 1996 war der Duden die normative Autorität zur deutschen Rechtschreibung. Auch wenn dies heute nicht mehr gilt, kann man bei Fragen zur korrekten Schreibweise von Wörtern zumindest immer noch davon ausgehen, dass die Redaktionen der großen Wörterbuchverlage einen gewissen Wissensvorsprung in diesem Bereich haben und man sie deshalb ernst nehmen sollte.

Deutlicher Wissensvorsprung

Des weiteren ist ein Verweis auf eine Autorität gerechtfertigt, wenn diese ein deutlich größeres Wissen zum Thema als die Diskussions­teil­nehmer hat.

So sollte man z.B. zunächst davon ausgehen, dass ein zugelassener Arzt, nach langjähriger Ausbildung und praktischer Erfahrung, einen Wissensvorsprung vor den meisten – auch medizinisch interessierten – Patienten hat, der ernst genommen werden sollte.

A: Warum nimmst du Antibiotika? Die schaden doch mehr, als sie nützen.
B: Weil mein Arzt sie mir verschrieben hat um die Infektion zu bekämpfen.

Auch wenn sich – siehe oben – auch Ärzte täuschen können und unterschiedliche Herangehensweisen an bestimmte Erkrankungen haben, wiegt die Empfehlung des Arztes zunächst (bis zum Beweis des Gegenteils) deutlich schwerer als eine eventuelle Laienmeinung zum selben Thema.

Es sei an dieser Stelle ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es Vertreter bestimmter medizinische Berufe gibt, die sich zwar gerne als Autoritäten in medizinischen Fragen ausgeben und möglicherweise auch gegenüber Laien einen Wissensvorsprung haben, aber etwa im Vergleich mit ausgebildeten Ärzten keinen solchen Status geltend machen können (z.B. Heilpraktiker).

Siehe auch

Weitere Informationen

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