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denkfehler:sorites-irrtum

Sorites-Irrtum

Die Ablehnung von Kategorisierungen da die beschriebenen Variationen auch als Kontinuum beschrieben werden können.

(nicht zu verwechseln mit dem Kettenschluss, der auch Sorites genannt wird)

Andere Namen

  • Argument vom Bart / des Bartes
  • Kontinuumsirrtum
  • Continuum fallacy

Beschreibung

Die folgenden beiden Beispiele sind Klassiker, die auch für die Namensgebung dieses Denkfehlers Pate gestanden haben:

Sandhaufen (Sorites)

Dieses Beispiel bezieht sich auf die Definition eines Sandhaufens (Altgr.: σωρός = Haufen): Ein Haufen von, z.B. 10000 Sandkörnern verdient gewiss die Bezeichnung „Haufen“. Nimmt man aber ein Sandkorn weg, sind die verbleibenden 9999 Sandkörner immer noch ein „Haufen“, ebenso wie 9998, falls man noch eines wegnimmt, u.s.w.

Anders ausgedrückt: ein Haufen von Sandkörnern minus einem Sandkorn ist stets immer noch ein „Haufen“.

Da es keine natürliche Grenze gibt, bei dem die Bezeichnung „Haufen“ unstrittig nicht mehr treffend ist, kann man bei keiner Anzahl von Sandkörnern mehr behaupten, es sei kein „Haufen“ mehr.

Umgekehrt wird man ein einzelnes Sandkorn sicher nicht als „Sandhaufen“ bezeichnen. Ebensowenig auch zwei Sandkörner oder drei… Auch dies kann man beliebig oft wiederholen und dabei keine natürliche Grenze finden, ab welcher der Begriff „Haufen“ treffender ist als ein „nicht-Haufen“.

Der Denkfehler besteht nun darin, auf Grundlage dieses Paradoxons zu schließen, die Bezeichnung „Haufen“ sei leer oder zumindest beliebig. Ein „Haufen“ hat dennoch eine relevante Bedeutung.

Argument vom Bart

Ein Mann, der sich einen Bart wachsen lassen will, hat einen Tag nach der letzten Rasur zwar ein paar Bartstoppeln, aber sicher noch keinen Bart. Auch am zweiten Tag sieht es nicht anders aus und auch ein Dreitagebart ist sicher noch nicht, was man als „richtigen“ Bart bezeichnen würde.

Ab welcher Bartlänge hat dieser Mann nun einen Bart? Dies kann nicht unstrittig festgelegt werden, daher kann es keine eindeutige Definition für einen „Bart“ geben.

Auch hier wieder gilt: auch wenn es keinen eindeutigen Übergang zwischen zwei Zuständen (Bart und nicht-Bart) gibt, bedeutet das nicht, dass die entsprechenden Kategorien nicht existierten oder belanglos seien.

Nichtsdestotrotz benutzen wir Begriffe wie „bärtig“ (oder eben „Haufen“) und geben ihnen damit eine Bedeutung, die eben nicht willkürlich ist, sondern darauf beruhen, dass sie bestimmte Phänomene bezeichnen.

Weitere Beispiele

Obwohl die namensgebenden Beispiele trivial und wenig belangreich erscheinen, sind ähnliche Kontinuitäten in der gesellschaftlichen Diskussion nicht gerade selten und oft sehr kontrovers diskutiert. In diesen Fällen ist es eine wichtige soziale Festlegungsleistung, Grenzen festzulegen, welche den Übergang definieren.

Vom Klimawandel zur Klimakatastrophe

Wir sehen seit Jahren eine Veränderung des Erdklimas mit zahlreichen negativen Folgen für die Menschheit, von der Ausbreitung von Wüsten bis zum Insektensterben. Allerdings ist es schwierig, zu sagen, ab welchem Punkt aus einem Klimawandel (mit negativen Aspekten) eine Klimakatastrophe (mit extremen negativen Effekten) wird.

In jedem Fall ist es aber falsch, daher davon auszugehen, dass es kein solche gibt oder geben wird. Wenn wir es nicht schaffen, die Erderwärmung zu stoppen oder umzukehren, müssen wir irgendwann von einer Klimakatastrophe sprechen. Es wäre besser, dies nun zu tun, solange wir noch eine Chance haben, dagegen aktiv zu werden.

Einordnung im politischen Spektrum

Betrachtet man das politische Spektrum als eine Kontinuität von Links bis Rechts (was nicht in jedem Fall eine sinnvolle Klassifizierung ist, aber für viele Zwecke ausreicht), so findet man einige Extremisten beiderlei Ausrichtung an den Enden des Spektrums und der weitaus größte Teil der Bevölkerung in der Mitte zwischen diesen beiden Polen.

Da es keine klar definierten Punkte gibt, an denen spezifische Bezeichner (u.a.. Linksextrem, Sozialdemokratisch, Liberal, Konservativ, Rechtsextrem, etc.) beginnen und enden, könnte man zu dem Schluss kommen, dass es gar keine Unterscheidung gibt – und einfach jede Einstellung, die z.B. links von der eigenen Position steht als “Linksradikal” bezeichnen (gerne als “Kommunisten” oder “Anarchisten” verunglimpft), bzw. alles was rechts von einem steht als „Rechtsradikal“ (die dazu gehörigen Schimpfwörter sind dann “Nazi” oder “Faschist”).

Tatsächlich hat jemand, der im konservativen politischen Spektrum steht, gewöhnlich wenig Sympathien für Nazis gemein, ebenso wenig wie ein Sozialdemokrat unbedingt dem Kommunismus oder gar Anarchismus nahe steht.

Übergang vom Zellhaufen zum Embryo

Eine befruchtete Eizelle teilt sich immer weiter und bildet zunächst einen Zellhaufen, der sich dann zu einem Embryo weiter entwickelt. An welcher Stelle aus einem „Zellhaufen“ ein menschlicher Embryo wird, kann nicht eindeutig bestimmt werden.

Diese Frage ist aber von zentraler Bedeutung für die moralische und rechtliche Einschätzung von Schwangerschaftsabbrüchen.

In diesem Kontext wird deutlich, dass allein aus der Annahme, dass es keinen eindeutig bestimmbaren Übergang von einem Zustand zum anderen gibt, nicht der Schluss gezogen werden kann, dass es keinen solchen Übergang gäbe.

Siehe auch

Weitere Informationen

denkfehler/sorites-irrtum.txt · Zuletzt geändert: 2019/08/22 21:09 von Sascha