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Tu Quoque

Rhetorischer Angriff, bei dem anstelle des Argumentes die Person, die ein Argument vorgebracht hat, angegriffen wird indem ihr vorgeworfen wird, eine ähnliche oder vergleichbare Position zu halten oder in der Vergangenheit gehalten zu haben, bzw. sich ähnlich verhalten zu haben.

Das folgende Beispiel habe ich so auf einer Party gehört:

A: Drück doch bitte deine Zigaretten nicht im Blumentopf aus!
B: Du machst das doch selber auch immer!

Auch wenn B selbst manchmal zu faul ist, sich einen Aschenbecher zu holen, ist das keine Rechtfertigung für A, dasselbe zu tun. Idealerweise sollten natürlich aber beide damit aufhören.

Einordnung

Tu quoque ist der Sonderfall des Whataboutismus mit Bezug auf die Person des Vortragenden und damit ein ad hominem-Angriff. Wenn er zur Ablenkung vom eigentlichen Thema dient fällt er auch in die Kategorie Ablenkungsmanöver (red herrings).

Es handelt sich um einen der häufigsten unsachlichen Angriffe in Diskussionen, wohl auch da er recht effektiv darin ist, die Diskussion vom eigentlichen Thema abzubringen und auch, da es schwer ist, sich dagegen zu wehren.

Beispiele

Nicht alle Fälle von Tu Quoque-Angriffen sind so harmlos wie die Frage nach dem richtigen Aschenbecher. In der Vergangenheit wurden solche rhetorischen Mittel schon zur Rechtfertigung von schlimmsten Verbrechen benutzt.

Eure Regierung unterstützt einen Krieg gegen Land XYZ.
Also ist es gerechtfertigt, in eurem Land Terroranschläge zu begehen.

Ähnlich klingt die Verteidigungslinie von Klaus Barbie des ehemaligen GeStaPo-Chefs von Lyon, der sich wie folgt rechtfertigen versuchte:

Frankreich hat in seinen Kolonien auch unzählige Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, wie können die es rechtfertigen, mich zu verurteilen?

Es ist zu vermuten, dass diese Form des Denkens nicht erst beim Aufbau der Verteidigung aufkam, sondern dass auch beim Begehen der Taten der Gedanke: „Die Franzosen haben auch Menschenrechte verletzt“ als Rechtfertigung herhalten musste.

Auf ähnliche Weise versuchen manche Gewalt gegen Abtreibungskliniken (töten ungeborene Kinder), Ausländer (einige Ausländer sind Terroristen), Pelzhändler (sind Tierquäler), Pelzträger (finanzieren Tierquäler), politische Gegner (fast beliebige Begründungen) und viele andere zu rechtfertigen. Von anderen Verhaltensweisen wie Steuerhinterziehung (machen alle) bis hin zum Falschparken (ebenso) ganz zu schweigen.

Wann ist es gerechtfertigt?

Prinzipiell gilt ein Tu Quoque, wie alle ad hominem-Angriffe als unfaire Diskussionstaktik. Es kann aber bestimmte Situationen geben, wo dies gerechtfertigt sein kann:

Wasser predigen und Wein trinken

Als Gegenstück zum Tu Quoque-Argument hat sich der von Heinrich Heine geprägte Ausdruck „öffentlich Wasser predigen und heimlich Wein trinken“ durchgesetzt. Es beschreibt eine heuchlerische Haltung in der die Standards an das Verhalten anderer mit denen an sich selbst im Widerspruch stehen.

Dies ist insbesondere relevant in Situationen, in denen ein positives Ergebnis von solidarischem Verhalten abhängig ist. Gerade in diesen Fällen kann ein Hinweis auf das Verhalten des Vortragenden durchaus eine sinnvolle Argumentation sein. Etwa im folgenden Beispiel:

A: In einer Krise wie wir sie heute haben, sollten die Bürger sich patriotisch verhalten und ihre Sparguthaben bei den einheimischen Banken liegen lassen, auch wenn es etwas weniger Zinsen bringt als anderswo.
B: Und warum haben Sie ihr Vermögen dann in's Ausland gebracht?

Das ist natürlich nur gerechtfertigt, wenn die Erwiderung wirklich im direkten Zusammenhang mit dem Thema der Debatte steht. Einfach auf eine beliebige andere Verfehlung hinzuweisen ist bestenfalls eine Form von Whataboutismus.

Die Person als Teil des Argumentes

Wenn die vortragende Person ein Teil des Argumentes ist, etwa wenn sie sich als Autoritätsperson darstellt und dies ein wichtiger Teil des Argumentes ist, muss sie sich auch kritischen Fragen stellen. In diesem Fall kann ein Tu Quoque durchaus ein gültiges Argument sein.

A: Als Pfarrer kann ich nur sagen, dass es eine besonders schlimme Sünde ist, wenn man außerehelichen Geschlechtsverkehr hat!
B: Das klingt nicht sehr glaubwürdig, wenn doch das ganze Dorf weiß, dass Sie eine Affäre mit ihrer Haushälterin haben.

Man kann dem Pfarrer (und der Haushälterin) ruhig ihre Liebschaft gönnen (es sind ja auch nur Menschen), aber als Autoritätsperson kann der Pfarrer in dieser Situation nicht mehr glaubwürdig eine Position vertreten, in der er genau das verdammt, was er selbst praktiziert.

Auch hier wieder der Hinweis, dass dies nur für Erwiderungen gilt, die in direktem Zusammenhang mit dem Thema stehen. Wenn der Pfarrer um Spenden für ein neues Kirchendach bittet, wäre ein Hinweis auf seine Beziehung zur Haushälterin eine ziemlich üble Form eines persönlichen Angriffes.

Siehe auch

Weitere Informationen

rhetorik/ad_hominem/tu_quoque.txt · Zuletzt geändert: 2019/05/26 10:06 von Sascha