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rhetorik:scheinargumente:argument_aus_nichtwissen

Argument aus Nichtwissen

Bezeichnet ein Scheinargument, bei dem unter Umkehrung der Beweislast aus der Abwesenheit von Beweisen auf Fakten geschlossen werden soll.

Beispiel (auch unter dem Namen „Russells Teekanne“ bekannt):

Es kann nicht bewiesen werden, dass im Weltall keine Teekanne existiert, die um die Sonne kreist.
Daraus folgt, dass eine solche Teekanne existiert.

Daraus, dass kein Beweis für die Nichtexistenz existiert (oder bekannt ist), kann man keinen Beweis für die Existenz ableiten. Zusätzlich liegt hier die Beweislast bei demjenigen, der eine solche Aussage tätigt, was noch schwerer wiegt, als ein negativer Existenzbeweis (sprich: die Nichtexistenz) besonders schwer bis hin zu unmöglich zu erbringen ist.

Übrigens gilt das gleiche hier auch für die gegenteilige Aussage:

Es kann nicht bewiesen werden, dass eine solche Teekanne existiert.
Daraus folgt, dass sie nicht existiert.

Auch hier liegt die Beweislast nämlich bei demjenigen, der die Aussage tätigt und der Mangel an Beweisen für die Existenz reicht nicht aus, um die Nichtexistenz zu belegen.

Der einzige Unterschied ist, dass ein Existenzsatz prinzipiell etwas leichter zu beweisen wäre: man muss nur eine einzige Teekanne finden, die um die Sonne kreist. Notfalls könnte man diese also einfach selber dort platzieren. Falls also einer meiner Leser oder Leserinnen hier gute Kontakte zur NASA oder ESA hat…

Gleichstellung von Nichtwissen mit Wissen

In einer etwas schwächeren Form dieses Fehlargumentes wird oft versucht, einen nicht bewiesenes oder gar nicht beweisbares Argument als einem akzeptierten gleichwertig darzustellen, meist indem deutlich verschiedene Grade der Gewissheit einfach gleichgesetzt werden.

Die folgende Argumentation etwa wird in verschiedenen Variationen gerne von sog. Impfgegnern gebraucht:

Niemand kann zu 100% beweisen, dass Impfungen keine negative Nebenwirkungen haben.
Also ist es durchaus möglich, dass Impfungen doch Schäden hervorrufen können.
(deswegen ist es zu rechtfertigen, wenn Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen)

Wie im Beispiel mit der Teekanne ist es praktisch unmöglich, die Nichtexistenz von irgendetwas zu beweisen – daher kann auch niemand einen endgültigen Beweis antreten, dass Impfungen garantiert keine Folgeschäden haben werden. Was bewiesen werden kann, ist dass mögliche Schäden der Impfung vernachlässigter sind, im Verhältnis zu den Schäden, die entstehen können, wenn nicht geimpft wird.

Meist wird so eine Gegenüberstellung aber mit der Absicht erwähnt, beide Positionen als gleichwertig darzustellen: weder gäbe es 100%-ige Sicherheit für die Unbedenklichkeit von Impfungen, noch könne man zu 100% sagen, dass nicht-impfen seines Kindes zwangsläufig zu einem Schaden führen würde.

Dies ist aber nur legitim, wenn die Wahrscheinlichkeiten, dass negative Ereignisse eintreten (hier Krankheitsfall gegenüber Impfschaden) als auch der mögliche Schaden (schwere Erkrankungen bis hin zu Lähmung oder sogar Tod) gegenüber gestellt werden. Ebenso wie mögliche Schäden, die hiermit anderen zugefügt werden.

Andere Namen

  • (Argumentum) ad ignorantiam
  • Argument from ignorance
  • Appeal to ignorance

Gerechtfertigte Anwendung

Die wichtigste Bedingung dafür, wann ein solches Argument als Fehlargument anzusehen ist besteht in der Frage nach der Beweislast. Nur wenn es mit einer Umkehrung der Beweislast einhergeht, ist es ein echtes Fehlargument. Wird es dagegen mit der Beweislast angebracht, ist es prinzipiell als gültiges Argument anzusehen.

Vor Gericht

In modernen Rechtssystemen gilt, dass dem Angeklagten das Verbrechen nachgewiesen werden muss und er nicht umgekehrt seine Unschuld zu beweisen hat.

Wenn also die Beweislast bei Ankläger (bzw. der Staatsanwaltschaft) liegt, kann der Verteidiger mit Recht sagen:

Die Staatsanwaltschaft konnte nicht beweisen, dass mein Mandant schuldig ist,
also ist er unschuldig.

Es liegt dabei natürlich am Ende am Richter, zu entscheiden, ob die Beweise der Staatsanwaltschaft unzureichend waren.

Siehe auch

Weitere Informationen

rhetorik/scheinargumente/argument_aus_nichtwissen.txt · Zuletzt geändert: 2018/12/13 23:08 von Sascha