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rhetorik:scheinargumente:argument_aus_nichtwissen

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Argument aus Nichtwissen

Bezeichnet ein Scheinargument, bei dem unter Umkehrung der Beweislast aus der Abwesenheit von Beweisen auf Fakten geschlossen werden soll.

Beispiel (auch unter dem Namen „Russells Teekanne“ bekannt):

Es kann nicht bewiesen werden, dass im Weltall keine Teekanne existiert, die um die Sonne kreist.
Daraus folgt, dass eine solche Teekanne existiert.

Daraus, dass kein Beweis für die Nichtexistenz existiert (oder bekannt ist), kann man keinen Beweis für die Existenz ableiten. Zusätzlich liegt hier die Beweislast bei demjenigen, der eine solche Aussage tätigt, was noch schwerer wiegt, als ein negativer Existenzbeweis (sprich: die Nichtexistenz) besonders schwer bis hin zu unmöglich zu erbringen ist.

Andere Namen

  • (Argumentum) ad ignorantiam
  • Argument from ignorance
  • Appeal to ignorance

Beschreibung

Ein Argument aus Nichtwissen ähnelt der Fallacy-Fallacy, insofern als ein Schluss auf der Abwesenheit eines Argumentes aufgestellt wird.

Der Unterschied ist, dass bei der Fallacy-Fallacy aus einem widerlegten Beweis das Gegenteil geschlossen wird, während hier überhaupt keine oder unzureichende Beweise als Grundlage für das Argument hergenommen werden.

Dabei ist die Frage nach der Beweislast ausschlaggebend: es handelt sich nur um ein ungültiges Argument, wenn es engegen der Beweislastrichtung angewandt wird (mehr dazu weiter unten).

Gleichstellung von Nichtwissen mit Wissen

In einer etwas schwächeren Form dieses Fehlargumentes wird oft versucht, einen nicht bewiesenes oder gar nicht beweisbares Argument als einem akzeptierten gleichwertig darzustellen, meist indem deutlich verschiedene Grade der Gewissheit einfach gleichgesetzt werden (siehe auch Sorites-Irrtum).

Die folgende Argumentation etwa wird in verschiedenen Variationen gerne von sog. Impfgegnern gebraucht:

Niemand kann zu 100% beweisen, dass Impfungen keine negative Nebenwirkungen haben.
Also ist es durchaus möglich, dass Impfungen doch Schäden hervorrufen können.
(deswegen ist es zu rechtfertigen, wenn Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen)

Wie im Beispiel mit der Teekanne ist es praktisch unmöglich, die Nichtexistenz von irgendetwas zu beweisen – daher kann auch niemand einen endgültigen Beweis antreten, dass Impfungen garantiert keine Folgeschäden haben werden. Was bewiesen werden kann, ist dass mögliche Schäden der Impfung vernachlässigter sind, im Verhältnis zu den Schäden, die entstehen können, wenn nicht geimpft wird.

Meist wird so eine Gegenüberstellung aber mit der Absicht erwähnt, beide Positionen als gleichwertig darzustellen: weder gäbe es 100%-ige Sicherheit für die Unbedenklichkeit von Impfungen, noch könne man zu 100% sagen, dass nicht-impfen seines Kindes zwangsläufig zu einem Schaden führen würde.

Dies ist aber nur legitim, wenn die Wahrscheinlichkeiten, dass negative Ereignisse eintreten (hier Krankheitsfall gegenüber Impfschaden) als auch der mögliche Schaden (schwere Erkrankungen bis hin zu Lähmung oder sogar Tod) gegenüber gestellt werden. Ebenso wie mögliche Schäden, die hiermit anderen zugefügt werden.

Gerechtfertigte Anwendung

Gebrauch mit der Beweislast

Die wichtigste Bedingung dafür, wann ein solches Argument als Fehlargument anzusehen ist besteht in der Frage nach der Beweislast. Nur wenn es mit einer Umkehrung der Beweislast einhergeht, ist es ein Fehlargument. Wird es dagegen mit der Beweislast angebracht, ist es prinzipiell als gültiges Argument anzusehen.

Zum Beispiel:

A: Mein Gegner ist korrupt und wird von der Mafia geschmiert!
B: Solange Sie für diese Behauptung keine Beweise vorlegen, gehe ich eher davon aus, dass dies nicht wahr ist.

Offensichtlich wäre A hier in der Beweislast, d.h. er müsste beweisen, dass seine Beschuldigungen wahr sind. Kann (oder will) er diese nicht vorlegen, ist es ein gültiges Argument, seine Anschuldigungen zu ignorieren.

Vor Gericht

In modernen Rechtssystemen gilt, dass dem Angeklagten das Verbrechen nachgewiesen werden muss und er nicht umgekehrt seine Unschuld zu beweisen hat.

Wenn also die Beweislast bei Ankläger (bzw. der Staatsanwaltschaft) liegt, kann der Verteidiger mit Recht sagen:

Die Staatsanwaltschaft konnte nicht beweisen, dass mein Mandant schuldig ist,
also ist er unschuldig.

Es liegt dabei natürlich am Ende am Richter, zu entscheiden, ob die Beweise der Staatsanwaltschaft unzureichend waren.

Beispiele

Ein beliebtes Scheinargument aus dem Bereich der Religion könnte man wie folgt formulieren:

Es hat noch niemand beweisen können, dass Gott nicht existiert.
Folglich existiert Gott.

Da in solchen Fragen unklar ist, auf welcher Seite die Beweislast ruht, kann man dies auch umdrehen:

Es hat noch niemand beweisen können, dass Gott existiert.
Folglich existiert Gott nicht.

Siehe auch

Weitere Informationen

rhetorik/scheinargumente/argument_aus_nichtwissen.1567459920.txt.gz · Zuletzt geändert: 2019/09/02 23:32 von Sascha