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rhetorik:scheinargumente:autoritaetsargument

Autoritätsargument

Anstelle eines Argumentes zu einer Position wird einfach auf die Aussage einer Autorität verwiesen.

Andere Namen

  • Verweis auf eine Autorität
  • Argumentum ad verecundiam
  • Appeal to authority
  • Ipse dixit!

Beschreibung

Es gibt gute Gründe, die Meinung von Autoritäten zu bestimmten Fragen einzuholen und auch ernst zu nehmen: Bei einer ernst­haften Er­krankung ist ein Arzt bzw. Ärztin die Autorität, deren Aus­sage man nicht leicht­fertig über­gehen sollte. Ebenso sollte man wohl Wirtschafts­wissen­schaftler als Autoritäten in ihrem Fachbereich befragen, welche wirt­schaft­lichen Aus­wirkungen etwa eine Gesetzes­änderung hat, u.s.w.

Allerdings ist auch ein Experte grund­sätzlich nicht vor Irr­tümern gefeit und es gibt zahl­reiche Bei­spiele, in denen sich die Meinungen von Autoritäten im Nach­hinein als falsch heraus­gestellt haben.

Dies alles sind keine Gründe, die Meinungen von Experten grund­sätzlich abzu­lehnen, aber ein Hinweis darauf, dass alleine die Tatsache, dass ein Experte eine bestimmte Meinung äußert, kein hin­reichender Beweis für die Richtig­keit dieser Meinung ist.

Dazu kommen auch Situationen, in denen sich Experten wider­sprechen, etwa weil es unter diesen unter­schied­liche Meinungen zum Sach­verhalt gibt.

Letztlich ist eine Abwägung nötig, zwischen einem möglichen Wissens­vorsprung, den eine Autorität hat und der Not­wendigkeit, die Autorität zu hinterfragen.

Gerechtfertigte Verwendung

Normative Autoritäten

Bestimmte Autoritäten haben eine Bestimmungs­gewalt über den Diskusions­gegen­stand, d.h. die Sach­lage ist so, weil diese Autoritäten es so sagen. Dazu gehören unter anderem Gesetzes­texte, Gerichts­urteile, tech­nische Spezi­fika­tionen und – je nach Sicht­weise – möglicherweise auch bestimmte religiöse Institutionen. In diesem Fall ist eine Diskussion natürlich müßig. Das Wort dieser Autorität ist – im Extrem­fall sogar ganz wörtlich – Gesetz.

Beispiel:

A: Unfallflucht ist in Deutschland strafbar!
B: Wer sagt das?
A: Das steht im Strafgesetzbuch, § 142.

Da das Straf­gesetz­buch eine normative Autorität ist, ist ein solcher Verweis gerechtfertigt.

Ähnliches gilt für Institutionen, die eine Ent­scheidungs­gewalt haben. So eine Institution sind z.B. die Eltern, die ihren Kindern bestimmte Vorgaben machen dürfen. Jeder, der selbst Kinder hat, kennt wohl Diskussionen wie im folgenden Beispiel:

Kind: Warum muss ich denn schon in’s Bett?
Vater: Weil ich und deine Mutter festgelegt haben, dass 8 Uhr für dich Schlafenszeit ist.

Das Festlegen der Schlafens­zeit gehört zur normativen Kompetenz der Eltern und entsprechend reicht der Verweis darauf aus, um diese Diskussion zu beenden (Kinder sehen das mitunter anders).

Bis zur Reform der deutschen Recht­schreibung von 1996 war der Duden die normative Autorität zur deutschen Rechtschreibung. Auch wenn dies heute nicht mehr gilt, kann man bei Fragen zur korrekten Schreibweise von Wörtern zumindest immer noch davon ausgehen, dass die Redaktionen der großen Wörterbuchverlage einen gewissen Wissensvorsprung in diesem Bereich haben und man sie deshalb ernst nehmen sollte.

Deutlicher Wissensvorsprung

Des weiteren ist ein Verweis auf eine Autorität gerechtfertigt, wenn diese ein deutlich größeres Wissen zum Thema als die Diskussions­teil­nehmer hat.

So sollte man z.B. zunächst davon ausgehen, dass ein zugelassener Arzt, nach langjähriger Ausbildung und praktischer Erfahrung, einen Wissensvorsprung vor den meisten – auch medizinisch interessierten – Patienten hat, der ernst genommen werden sollte.

A: Warum nimmst du Antibiotika? Die schaden doch mehr, als sie nützen.
B: Weil mein Arzt sie mir verschrieben hat um die Infektion zu bekämpfen.

Auch wenn sich – siehe oben – auch Ärzte täuschen können und unterschiedliche Herangehensweisen an bestimmte Erkrankungen haben, wiegt die Empfehlung des Arztes zunächst (bis zum Beweis des Gegenteils) deutlich schwerer als eine eventuelle Laienmeinung zum selben Thema.

Wann ist ein solcher Verweis nicht gerechtfertigt?

Kein Wissensvorsprung

In Umkehrung des oben Gesagten ist die Aus­sage einer Autorität grundsätzlich ein Scheinargument, wenn diese keinen deutlichen Wissens­vorsprung vor den Diskutanten hat.

Während z.B. in der Diskussion mit einem medizinischen Laien der Verweis auf die Meinung eines Arzt eine Trumpf­karte ist, steht dieser wenn es um die gleiche Frage unter Ärzten geht, auf einer Stufe mit diesen und kann damit nicht als Autorität auftrumpfen.

Diskussion über Normen

Auch normative Autoritäten wie Gesetzes­texte oder technische Spezifikationen haben eine Entstehung- und oft eine Revisions­geschichte. Wenn die Diskussion darüber geht, ob und wie solche Regeln auf­gestellt bzw. ge­ändert werden sollen, dann ist ein schlichter Verweis auf den Status Quo nicht hilfreich.

Verweis auf eine falsche Autorität

Des weiteren gibt es eine ganze Reihe von ungültigen Verweisen auf eine Autorität, die in keinem Fall zu recht­fertigen sind. Insbesondere wenn die zitierte Autorität überhaupt keine ist, oder wenn das Zitat nicht von dieser stammt, oder falsch (z.B. in falschem Kontext) zitiert ist.

Scheinargumente dieser Art sind so zahlreich und in ihrer Qualität deutlich verschieden vom Autoritäts­argument, dass diese einen eigenen Artikel haben: → Verweis auf eine falsche Autorität.

Umgekehrtes Autoritätsargument

In einer Variante des Autoritätsargumentes wird ein Argument abgewiesen, da es gerade nicht von einem Experten stammt.

Im Extremfall wird auch Expertenwissen allein an einer formellen fachlichen Ausbildung festgemacht. Man bekommt dann Aussagen wie die folgende zu hören:

Das kann XYZ gar nicht wissen, der hat das nicht studiert.

Prinzipiell ist es für die Gültigkeit eines Argumentes zunächst völlig irrelevant von wem es vorgebracht wird – dies gilt im negativen Sinne ebenso wie im positiven. Und ebenso wie sich auch Experten (zumindest gelegentlich) irren, haben Laien auch korrekte Einsichten.

Wenn eine Laienmeinung gegen eine Expertenmeinung steht, ist es dennoch empfehlenswert, zunächst einmal dem Experten mehr Glauben zu schenken.

Siehe auch

Weitere Informationen

rhetorik/scheinargumente/autoritaetsargument.txt · Zuletzt geändert: 2019/07/09 21:01 von Sascha