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rhetorik:unfaire_diskussionstaktiken:provokation

Provokation

Anstatt auf ein Argument oder eine Position einzugehen wird die Person, die das Argument vorbringt, verächtlich gemacht, beleidigt oder beschimpft. So wird versucht, eine ebensolche Reaktion zu provozieren, aufgrund der dann zum einen der Gegner als unfairer Diskutant dargestellt werden kann und zum anderen die Diskussion zum sachlichen Thema beendet wird.

Beispiele:

A: Die Kriminalitätsrate von Flüchtlingen ist nicht höher als die der deutschen Bevölkerung.
B: Du links-grün versiffter Faschist möchtest wohl uns Deutsche ausrotten!

Der Vollständigkeit halber, hier ein Beispiel aus der entgegengesetzten politischen Richtung:

A: Die Bereitschaft der Bevölkerung, Flüchtlingen zu integrieren, ist nicht unbegrenzt, wir sollten also Mittel und Wege finden, den Zuzug zu begrenzen.
B: Solchen Nazis wie dir gehört doch die Fresse poliert!

In keinem der Fälle wird irgend ein Beitrag zur Diskussion geleistet – man könnte ja durchaus darüber diskutieren, ob die Kriminalitätsstatistik in diesem Fall zuverlässig ist, oder ob es überhaupt rechtliche Möglichkeiten gibt, den Zuzug von Flüchtlingen zu begrenzen, etc. In jedem Fall wird so aber die Diskussion so vergiftet dass eine weitere, sachliche Diskussion kaum noch möglich erscheint.

Beschreibung

Die Wirkungsweise dieser Form von persönlichen Angriff liegt vor allem darin, die weitere Diskussion zu vergiften. Der so geschmähte wird allzu leicht darauf verfallen, selbst mit persönlichen Angriffen zu kontern, was dann zu einer Beleidigungsspirale führt, oder vom Gegner als selbst wieder dafür herangezogen werden kann, ihn als „nicht an einer sachlichen Diskussion interessiert“ vorzuführen.

Abwehr

Die Abwehr von Provokationen kann schwierig sein und sie verlangt viel Disziplin. Wichtig ist es vor allem, nicht auf die Provokation selbst einzugehen und die „moralische Lufthoheit“ zu behalten. Auf keinen Fall sollte man mit einer Erwiderung der Beleidigung oder Unterstellung antworten.

Die wichtigsten Strategien werden im Folgenden kurz dargestellt:

1. Ignorieren

Wohl eine der stärksten, aber wahrscheinlich oft am schwersten durchzuführende Strategie. Wenn man genug Selbstdisziplin hat, eine Beleidigung einfach zur Seite zu wischen und die Diskussion auf der sachlichen Ebene weiter zu führen, wird es für viele Zuschauer klar werden, dass der Gegner sich gerade selbst beschädigt hat.

Viel mehr kann man mit keiner anderen Strategie zu erreichen hoffen. Aber es gibt natürlich Grenzen – wenn der Gegner einfach nicht locker lassen will, muss man irgendwann zur nächsten Stufe gehen:

2. Zurückführen

Einen Schritt weiter geht man, indem man die Provokation sozusagen „aktiv“ ignoriert und die Diskussion explizit auf die sachliche Ebene zurückführt. Dies ist schon eine Form des Zurückweisens und es kann, wenn man nicht umsichtig vorgeht, auf Zuschauer leicht überheblich wirken.

Lassen Sie uns doch hier sachlich und zum Thema diskutieren. Wenn Sie möchten können wir später dann die Frage klären, was meine Mutter beruflich gemacht hat.
Die Frage, inwieweit mein Berufsstand bestechlich ist, wäre in der Tat ein interessantes Gesprächsthema, aber wir diskutieren hier und heute ein anderes Thema und ich denke wir sollten dies auf sachliche und faire Weise diskutieren. Also zurück zum Thema…
Das ist ein schönes Wortspiel, das Sie da gebraucht haben und ich freue mich, dass Sie damit so viele Lacher auf ihrer Seite haben, aber das Thema ist es wert, hier ernsthaft diskutiert zu werden…

Gerade wenn es darum geht, vor einem Publikum besser dazustehen, kann man mit dieser Strategie gewöhnlich besser punkten als mit jeder möglichen direkten Erwiderung auf die Provokation.

3. Abbruch oder Ausschluss

Wenn es keine Möglichkeit mehr gibt, die Diskussion auf die sachliche Ebene zurück zu führen, etwa weil wiederholt nur Provokationen von einem oder mehreren Diskussionsteilnehmern kamen und deutlich kein Interesse an einer sachlichen Diskussion besteht, kann der Abbruch der Diskussion, oder der Ausschluss des Provokateurs das letzte Mittel sein.

Auf sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook entspräche dies dem Blockieren oder Muten des fraglichen Accounts.

Dies sollte jedoch immer nur ein letztes Mittel sein, also nur nachdem der Provokant mehrfach zum Rückkehren zum Thema aufgefordert wurde. Dies gilt vor allem, wenn Ziel der Diskussion ist, Dritte von den eigenen Argumenten zu überzeugen, da ein Ausschluss leicht als Zensur missliebiger Meinungen interpretiert werden kann und so die eigene Glaubwürdigkeit schwächt.

Idealerweise sollte der Ausschluss durch einen neutralen Dritten geschehen. In einem Diskussionsforum etwa durch den Foren-Admin oder in einer Panel-Diskussion durch den Moderator.

Gerechtfertigter Gebrauch

Wie für viele andere Methoden und Techniken auf dieser Site gibt es auch für Provokationen einen Anwendungsbereich, in dem es gerechtfertigt sein kann, durch eine provokative Aussage die Diskussion in eine andere Richtung zu bringen.

Provokationen als rhetorisches Mittel

Je nach Kontext und Thema der Diskussion sollte man ein gewisses Maß an Provokation auch als rhetorisches Mittel zulassen. Dies dürfte etwa im Bereich der Kunst (insbesondere Satire) mehr gelten als für schwierige gesellschaftliche Themen, aber grundsätzlich ist nicht jede Provokation unbedingt gleichbedeutend mit einer unfairen Diskussionsstrategie.

Allerdings müssen dabei bestimmte Grundregeln eingehalten werden: auch eine Provokation kann sachlich sein und die Diskussion weiter bringen, oder unsachlich und die weitere Diskussion zu unterbinden versuchen.

In jedem Fall unsachlich sind hierbei jede Form von Beleidigungen, Diffamierungen oder Unterstellungen; Dazu gehören auch rassistische, sexistische oder sonst irgendwie diskriminierende Äußerungen. Und zwar sowohl bezüglich der Diskussionsteilnehmer als auch von Dritten.

Sachliche Beiträge mit provozierendem Charakter sind z.B. Fragen, die den Bereich der Diskussion erweitern und Begriffe und Vorannahmen hinterfragen. Meist wie in folgenden Fall:

„Gruppendenken“ aufbrechen

Als „Gruppendenken“ (group think) bezeichnet man eine Meinung oder Haltung, sich in einer Gruppe durch sozialen Konformitätsdruck etabliert hat und die innerhalb der Gruppe nicht mehr hinterfragt wird.

Versuche, so eine Gruppenmeinung zu hinterfragen, werden meist sofort als „Provokationen“ empfunden. Nichtsdestotrotz sind sie wichtig und sollten ernst genommen werden, da sie helfen können, vorgefertigte Meinung einem Realitätscheck zu unterziehen.

Bei wichtigen Themen kann es sogar hilfreich sein, gezielt eine solche, dann Advocatus Diaboli („Anwalt des Teufels“) genannte, Rolle einzunehmen um gezielt unzureichend ausdiskutierte Meinungen und Lösungsmöglichkeiten einer weitergehenden Untersuchung zu unterziehen.

Satire

Im deutschsprachigen Raum hat die Satire aus historischen Gründen eine erhebliche „Narrenfreiheit“ gewonnen. Dies führt so weit, dass selbst übelste Beleidigungen, die in einem erkennbar satirischen Rahmen geäußert werden, von einem besonderen Schutzrecht Gebrauch machen können.

Die Voraussetzung hierfür ist aber, dass es sich für alle wenigstens potentiell erkennbar um Satire handelt. Jemanden zu beleidigen und hinterher zu behaupten, es sei satirisch gemeint gewesen, ist keine gültige Strategie (und wird einem, sollte es vor Gericht gehen, dort nicht weiter helfen).

Siehe auch

Weitere Informationen

rhetorik/unfaire_diskussionstaktiken/provokation.txt · Zuletzt geändert: 2019/02/04 22:27 von Sascha